Es war einmal ein kleines, friedliches Königreich am Rande eines glitzernden Meeres. Dieses Reich hieß Estoriah. Man konnte dort morgens die Möwen kreischen hören und abends das Rauschen der Wellen zählen wie Gute-Nacht-Lieder. Die Stadt Talinna, die größte im ganzen Land, lag direkt an der Küste, mit weißen Häusern, bunten Segeln im Hafen und Gassen voller Lachen.

Die Menschen in Estoriah lebten einfach, aber glücklich. Die Fischer zogen ihre Boote bei Sonnenaufgang hinaus, und ihre Kinder standen oft am Steg, winkten ihnen nach und warteten auf glänzende Heringe und spannende Geschichten. Die Bäckerin Luma buk süßes Meersalzgebäck, das es nur in Talinna gab, und der alte Uhrmacher Ganto ließ jeden Mittag seine kleine Vogeluhr pfeifen. Selbst der König – ein freundlicher Mann namens Eren der Weise – lebte nicht in einem goldenen Schloss, sondern in einem großen Haus aus Holz und Stein, offen für jeden, der einen Rat brauchte.

Estoriah war klein, aber stolz. Und es war nicht allein.

Es gehörte zum großen Bund von Natora, einem Zusammenschluss vieler Königreiche. Dieser Bund war wie eine große Familie: Jeder half jedem. Es war ein Schwur, ein Versprechen – und dieses Versprechen war in Estoriah heilig.

Eines Morgens aber – als die Möwen noch schliefen und die ersten Sonnenstrahlen kaum die Dächer küssten – kam etwas Fremdes über das Meer.

Zuerst war es nur ein dunkler Schleier am Horizont, ein Nebel, der zu früh, zu dicht, zu schwer war. Er kroch über das Wasser wie ein langsamer Schatten. Er war nicht weich und feucht wie gewöhnlicher Morgendunst – nein, dieser Nebel knisterte. Er war kalt. Er flüsterte in einer Sprache, die kein Mensch verstand.

Die Fischerboote kehrten um. Die Vögel verstummten. Selbst das Meer schien sich zu ducken, als der Nebel das Land berührte.

Und dann, plötzlich, ein grollendes Geräusch aus dem Grau. Wie ein Sturm, der keinen Wind braucht. Aus dem Nebel schossen schwarze Vögel, groß und kantig, ihre Flügel aus Eisen, ihre Stimmen ein Knattern wie Trommeln aus Donner. Sie flogen tief über Talinna, rüttelten Fenster und rissen Angst in die Herzen.

Es waren Eisenvögel. Maschinen. Keine Tiere. Keine Freunde.

Und sie kamen nicht zum Spielen.

In den Gassen riefen Kinder: „Mama! Papa! Schaut! Da oben! Was ist das?“

Die Eltern holten sie hastig ins Haus, schlossen Türen und Fensterläden. Niemand wusste genau, was die Eisenvögel wollten. Sie warfen nichts ab, griffen niemanden an – aber ihre bloße Anwesenheit war wie ein dunkler Finger, der drohend auf Estoriah zeigte.

Der König rief seinen Rat zusammen. Soldaten, Gelehrte, alte Kapitäne. In der großen Halle berieten sie, während draußen der Nebel lauerte. Bald war klar: Die Eisenvögel kamen aus dem fernen Land Rossnien. Ein mächtiges Reich im Norden, bekannt für seine Kälte – nicht nur im Wetter, sondern auch im Herzen.

Rossnien hatte Estoriah nie offiziell bedroht, aber es war oft … herablassend. Man wusste: Rossnien wollte zeigen, dass es groß war, stark war, gefürchtet sein sollte. Und vielleicht war Estoriah nur der erste Test.

König Eren schrieb eine Botschaft. Keine aus Wut, sondern aus Sorge. Er rollte das Pergament sorgfältig ein, band es mit dem Band der Freundschaft – blau und silbern – und sprach leise:

„Geh, kleine Taube. Flieg nach Brasselburg, zur Hauptstadt von Natora. Sag ihnen, dass wir nicht kämpfen wollen – aber auch nicht alleine stehen.“

Die weiße Taube stieg auf, schwebte durch die Wolken und verschwand über dem grauen Horizont. Niemand wusste, ob sie ankommen würde. Aber alle hofften.

Weit entfernt, in einer Halle aus Glas und Stein, versammelten sich bald darauf die Ritter von Natora. Sie trugen keine glänzenden Schwerter, sondern Umhänge mit den Farben ihrer Königreiche. Ihre Stimmen waren ruhig, aber voller Gewicht.

Am runden Tisch erhob sich der älteste unter ihnen: Ritter Jensar von Stoldenbarg. Sein Bart war weiß wie Schnee, seine Stimme wie ein Lied aus alten Tagen.

„Freunde“, sprach er, „Estoriah ruft. Es ist nicht groß, doch es ist Teil von uns. Wenn wir nur zusehen, zerbricht unser Bund.“

Die anderen Ritter nickten, murmelten, flüsterten. Manche wollten sofort handeln, Drachenreiter schicken, Nebeljäger entsenden. Andere warnten: „Wenn wir Rossnien direkt entgegentreten, beginnt vielleicht ein Krieg. Und Kriege sind wie wilde Feuer – schwer zu stoppen.“

Am Ende fanden sie einen Weg, der mutig war und klug zugleich.

Die Ritter von Natora riefen ihre Magier, ihre Schmiede, ihre Barden. Gemeinsam webten sie Schilde aus Licht – keine gewöhnlichen Schilde aus Eisen, sondern leuchtende Netze aus Vertrauen und Treue. Aus Liedern, Geschichten und alten Zaubern schmiedeten sie ein Netz, das sich unsichtbar über Estoriah spannte.

Nachts sah man es flimmern – wie Sternenstaub am Himmel. Die Kinder, die sich wieder hinauswagten, zeigten hinauf und riefen:

„Schau! Die Sterne sind näher gekommen! Sie beschützen uns!“

Und als die Eisenvögel erneut aus dem Nebel kamen, prallten sie mit einem lauten Krachen an den Schilden ab. Funken stoben, der Himmel bebte – doch Estoriah blieb heil.

Der Nebel verzog sich nicht sofort. Die Eisenvögel zogen sich zurück, aber niemand wusste, ob sie wiederkehren würden. Doch eines war klar: Estoriah war nicht allein.

Und in den Herzen der Kinder, in den Augen der Alten und in den Liedern der Fischer begann etwas zu wachsen – kein Mut des Schwertes, sondern ein Mut des Vertrauens.

Die Erwachsenen flüsterten: „Natora hat uns nicht vergessen.“

Die Kinder riefen: „Wir sind klein, aber wir sind viele!“

Und tief im Wald, hoch über den Bergen, blickte ein schwarzer Rabe auf das Land hinunter – und krächzte leise.

Der Himmel über Estoriah war heller geworden, aber der Nebel blieb. Nicht mehr so dick, nicht mehr ganz so düster, doch immer noch wie ein leiser Schleier aus Sorge, der sich über das Land gelegt hatte.

Die Schilde aus Licht, die über Talinna schwebten wie schimmernde Sterne, gaben den Menschen Mut. Die Kinder spielten wieder draußen, die Fischer wagten sich weiter hinaus. Doch niemand wusste, ob Rossnien wirklich verschwunden war – oder ob es nur neue Pläne schmiedete.

Und sie hatten recht, vorsichtig zu sein.

Eines Morgens, noch bevor die Glocken läuteten, erschien ein schwarzer Rabe über Talinna. Seine Flügel waren groß, seine Federn glänzten wie Öl, und seine Augen waren kalt und klug.

Er flog langsam durch die Stadt, ließ sich schließlich mitten auf dem Marktplatz nieder – auf der Statue des alten Seefahrers Yuran. Dann krächzte er laut, sodass alle es hören konnten:

„Eure Freunde sind weit weg! Ihre Schilde werden schwächer! Sie werden euch vergessen! Und dann … dann kommt Rossnien zurück.“

Sein Ruf war wie ein kalter Wind, der durch die Gassen fuhr. Die Menschen standen still. Einige flüsterten: Was, wenn der Rabe recht hat? Was, wenn wir doch allein sind?

Doch da geschah etwas, das der Rabe nicht erwartet hatte.

Die Kinder der Stadt sahen sich an. Nicht mit Angst, sondern mit einem Plan. Es begann mit Lian, einem Jungen mit wilden Locken und einem bunten Schal. Er sagte:

„Wenn der Rabe nur Angst verbreiten will, dann zeigen wir ihm etwas, das er nicht kennt: Hoffnung.“

Und schon liefen die Kinder durch die Straßen. Sie holten Papier, Stoffreste, Bindfäden, Draht. Die alte Bäckerin Luma gab ihnen Farbpulver. Der Schmied schnitt Formen aus Blech. Die Schneiderin lieferte goldene Stickereien.

Am Ende bastelten die Kinder Papierdrachen – groß und bunt, mit langen Schweifen, bemalt mit Sonnen, Sternen, lachenden Gesichtern, Schiffen und Liedzeilen. Auf einem stand:

„Wir sind viele, auch wenn wir klein sind!“

Sie stiegen auf die Dächer, auf die Hügel hinter der Stadt, und ließen ihre Drachen in den Himmel steigen – hoch, höher, über den Nebel hinaus.

Der Rabe kreischte und flatterte. Das Licht, die Farben, das Flattern – es blendete ihn. Er versuchte davonzufliegen, doch überall stiegen Drachen auf, überall lachte Hoffnung aus den Himmeln.

Er drehte ab, flog zurück über das Meer und verschwand – ein schwarzer Punkt im Morgenlicht.

In den folgenden Tagen wurde der Nebel immer heller, immer dünner, bis er sich eines Abends ganz auflöste. Zum ersten Mal seit Wochen konnte man die untergehende Sonne wieder ohne Schleier sehen. Das Wasser glitzerte, die Möwen kehrten zurück, und auf den Dächern summten die alten Wetterhähne im Wind.

Im Königshaus wurde beraten. König Eren sprach zu seinem Volk:

„Ihr habt nicht nur auf Hilfe gewartet – ihr habt selbst geholfen. Mit Mut, mit Liedern, mit Farben. Ihr habt Rossnien gezeigt: Wir lassen uns nicht einschüchtern. Nicht mit Nebel. Nicht mit Lärm. Nicht mit einem Raben.“

Dann sagte er: „Wir werden ein Fest feiern. Ein Fest der Freundschaft! Für Natora – und für unsere Kinder.“

Die Vorbereitungen dauerten drei Tage und drei Nächte. Ganz Estoriah half mit. Die Fischer hängten Lichterketten zwischen ihre Masten. Die Bäcker backten Brot in Form von Eisenvögeln – aber mit Zuckerguss und Himbeermarmelade im Inneren. Die Musiker übten alte Lieder, und die Kinder bemalten die Stadt mit Kreide: Herzen, Sterne, Hände, Wellen und Drachen.

Als das Fest begann, war Talinna nicht wiederzuerkennen. Die Häuser waren mit Blumen geschmückt. Über den Gassen hingen Fahnen in den Farben aller Reiche von Natora. Und am Hafen lagen Boote aus fernen Ländern: aus Berelund, Surlin, Marada und sogar aus dem fernen Greienmoor.

Die Ritter von Natora kamen persönlich. Sie trugen keine Rüstungen – sondern einfache Kleidung, denn sie wollten feiern, nicht kämpfen. Ritter Jensar von Stoldenbarg, der Weise, wurde mit großem Jubel empfangen. Er lachte, tanzte sogar mit einer alten Fischverkäuferin und sagte:

„Talinna hat mehr Mut gezeigt als manche Burg!“

Am Ende des Festes versammelten sich alle auf dem Marktplatz. Die Kinder führten ein kleines Theaterstück auf, in dem sie den Nebel darstellten – mit grauen Tüchern – und die Schilde aus Licht – mit glitzernden Decken. Am meisten Applaus bekam Lian, der den Raben spielte und am Ende von bunten Drachen verjagt wurde.

Dann trat Ritter Jensar vor die Menschen. Er sprach laut und ruhig:

„Rossnien hat gedacht, Estoriah wäre allein. Aber Estoriah ist Teil von uns allen. Und das Band zwischen uns ist kein Seil aus Angst, sondern ein Netz aus Freundschaft.“

„Wer versucht, durch Nebel zu schrecken,dem leuchten wir mit Sternen entgegen. Und wer Angst verbreitet, dem zeigen wir Lieder. Denn Stärke ist nicht, wer am lautesten brüllt, sondern wer am klügsten bleibt.“

Alle klatschten. Einige weinten. Und viele Kinder merkten: Sie waren Teil von etwas Größerem.

In der Nacht, als alle schliefen, saß König Eren noch auf seiner Bank vor dem Haus. Neben ihm saß Ritter Jensar, beide mit dampfendem Kräutertee in den Händen.

„Meinst du, Rossnien gibt nun auf?“ fragte Eren.

Jensar schüttelte den Kopf. „Solche Länder denken langsam. Aber sie denken. Und sie sehen nun, dass ein kleines Königreich viele Freunde haben kann.“

Sie schwiegen. Dann zeigte Jensar in den Himmel. „Siehst du diesen Stern?“

„Ja.“

„Der war immer da – aber in all dem Nebel haben wir ihn nicht gesehen.“

„Wie so vieles“, sagte Eren und lächelte.

Seit jenem Tag lebte Estoriah friedlich, aber nicht naiv. Sie wussten, dass Gefahren kommen konnten – doch sie hatten etwas gelernt:

Zusammenhalt schützt mehr als Mauern.

Und Freundschaft ist das stärkste Schild.

Und manchmal, wenn ein Kind in Talinna nachts nicht schlafen konnte, zeigte die Mutter zum Himmel und flüsterte:

„Siehst du die Sterne? Die gehören nicht nur zum Himmel. Die gehören auch zu dir.“