Es war einmal ein Land, das war in zwei Teile geteilt. In der Mitte floss ein großer, grauer Fluss, der so breit war, dass man das andere Ufer kaum erkennen konnte. Am linken Ufer stand der Turm von Branden, hoch, gerade, streng und aus grauen Steinen gebaut. Alles dort war ordentlich, die Gärten waren in Reihen angelegt, die Menschen arbeiteten fleißig und sprachen leise. Sie glaubten, dass man nur durch Disziplin und Zusammenhalt stark wird.

Am rechten Ufer dagegen stand der Turm von Sächsin, bunt bemalt, mit Fenstern in allen Farben und mit Musik, die Tag und Nacht erklang. Dort wurde gesungen, getanzt und gelacht. Die Menschen liebten die Freiheit, sie waren neugierig und lebten gern spontan.

Zwischen den beiden Türmen aber lag eine Mauer aus Nebel. Dick, dicht, geheimnisvoll. Wer hineintrat, fand nicht mehr heraus. Und so konnten sich die Menschen von Branden und Sächsin nicht besuchen. Sie sahen nur den grauen Schleier und hörten vielleicht einmal in der Ferne ein fremdes Lied. Mit den Jahren vergaßen sie fast, dass sie eigentlich im selben Land lebten. Die Kinder in Branden lernten: „Dort drüben sind sie ganz anders.“ Und die Kinder in Sächsin hörten: „Dort drüben versteht man uns nicht.“

Doch dann kam ein Sturm.

Es war kein gewöhnlicher Sturm, nein – er war so stark, dass er die Bäume biegsam machte wie Weidenruten, die Dächer der Häuser rüttelte und die Wellen des Flusses hochschleuderte wie weiße Pferde. Die Fenster in Branden klirrten, in Sächsin fielen Lichterketten zu Boden. Und der Wind blies mit solcher Kraft, dass die Nebelmauer bebte und wankte. Für einen Herzschlag öffnete sich ein kleines Loch darin.

Genau in diesem Moment standen zwei Kinder am Fluss. Clara aus Branden, mit dunklen Zöpfen und neugierigen Augen, und Jonas aus Sächsin, barfuß und lachend, weil er dem Regen trotzte. Und sie sahen einander.

„Da ist ja jemand!“ rief Clara überrascht.

„Du siehst ja fast so aus wie ich!“ rief Jonas zurück.

Dann schloss sich der Nebel wieder. Aber Clara und Jonas hatten einander gesehen, und das vergaßen sie nicht.

Von da an trafen sie sich jede Nacht heimlich am Fluss. Sie schnitzten kleine Boote aus Rinde und Holz, setzten Kerzen hinein und legten Zettel darauf. Die Boote schwammen durch die Lücken im Nebel, und am Morgen fand jedes Kind die Botschaft des anderen.

„Was isst du zum Frühstück?“ – „Brot mit Honig und Marmelade.“

„Was spielst du am liebsten?“ – „Verstecken hinter den Bäumen.“

„Was macht dich glücklich?“ – „Wenn ich mit Freunden lachen kann.“

Die Antworten waren immer ähnlich. Je mehr Clara und Jonas schrieben, desto klarer wurde ihnen: Wir sind gar nicht so verschieden.

Doch die Erwachsenen hatten Angst. In Branden sagten sie: „Man darf nicht mit den anderen reden, sie sind zu wild!“ Und in Sächsin murmelten sie: „Die da drüben sind viel zu streng!“

Aber der Sturm hörte nicht auf. Tagelang tobte er, bis er die Nebelmauer schließlich zerriss. Am Morgen, als die Sonne aufging, war der Schleier verschwunden. Zum ersten Mal seit Menschengedenken sahen sich die beiden Türme direkt an.

Es wurde still. Niemand wusste, was nun geschehen würde. Manche jubelten, andere hatten Angst. Einige riefen: „Wir wollen nichts mit denen zu tun haben!“ Doch Clara und Jonas liefen lachend ans Ufer. Sie winkten einander zu, nahmen Bretter und Steine und begannen, eine Brücke zu bauen.

Die Erwachsenen lachten zuerst. „Eine Kinderbrücke! Was soll die schon bewirken?“ Aber Clara und Jonas ließen nicht locker. Sie bauten und hämmerten, sammelten Holz aus dem Wald, banden Stricke aus Lianen, malten bunte Muster auf die Steine. Und plötzlich kamen andere Kinder dazu. Bald waren es Dutzende, dann Hunderte. Sie bauten eine Brücke aus Holz, Steinen, Blumen und Liedern.

Eines Abends, als die Brücke fast fertig war, erschien eine alte Frau. Ihr Haar war silberweiß, ihre Augen funkelten wie Sterne. Man nannte sie Frau Historia. Sie trug einen Kristall in den Händen, der so hell leuchtete, dass man darin Bilder sehen konnte.

„Dieser Kristall bewahrt eure Erinnerung“, sagte sie. „Vergesst niemals, dass ihr getrennt wart. Wenn ihr so tut, als sei es nie geschehen, wird der Kristall dunkel. Doch wenn ihr euch erinnert – an Unterschiede und an Gemeinsamkeiten – bleibt er hell und zeigt euch den Weg.“

Clara und Jonas stellten den Kristall in die Mitte der Brücke. Von da an kamen die Menschen, wenn sie stritten. Die Branden-Leute sagten: „Ihr seid zu laut!“ Die Sächsiner riefen: „Ihr seid zu streng!“ Aber wenn sie in den Kristall blickten, sahen sie den grauen Nebel von früher, die einsamen Türme, die verschlossenen Herzen. Dann spürten sie, wie wertvoll die Brücke war. Sie atmeten tief, lächelten und versöhnten sich wieder.

Die Brücke wurde bald nicht mehr aus Holz und Steinen getragen, sondern aus Geschichten, Liedern, Erinnerungen und Träumen. Sie leuchtete in der Nacht, und ihre Farben spiegelten sich im Fluss wie ein Regenbogen aus Licht.

So wuchs aus zwei Türmen eine Stadt, die auf beiden Ufern stand. Es war nicht immer leicht. Es gab Streit und Missverständnisse. Aber die Menschen hatten gelernt: Erinnern heißt nicht trennen, sondern verstehen. Unterschiede machen ein Land bunt, Gemeinsamkeiten machen es stark.

Und wenn du am Tag der Deutschen Einheit eine Brücke überquerst und im Wasser ein Funkeln siehst, dann sind es vielleicht die Strahlen des Kristalls, der uns daran erinnert, dass Mauern fallen können, wenn Menschen den Mut haben, Brücken zu bauen.